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  Spinnengedichte
 

Spinnengedichte

Friede der Kreatur

Spinnen waren mir auch zuwider
All meine jungen Jahre,
Ließen sich von der Decke nieder
In die Scheitelhaare,
Saßen verdächtig in den Ecken
Oder rannten, mich zu erschrecken,
Über Tischgefild und Hände,
Und das Töten nahm kein Ende.

Erst als schon die Haare grauten,
Begann ich sie zu schonen
Mit den ruhiger Angeschauten
Brüderlich zu wohnen;
Jetzt mit ihren kleinen Sorgen
Halten sie sich still geborgen,
Lässt sich einmal eine sehen,
Lassen wir uns weislich gehen.

Hätt’ ich nun ein Kind, ein kleines,
In väterlichen Ehren,
Recht ein liebliches und feines,
Würd’ ich’s mutig lehren,
Spinnen mit den Händen fassen
Und sie freundlich zu entlassen; 

Früher lernt’ es Friede halten
Als es mir gelang, dem Alten.

Gottfried Keller  (1819 - 1890)

Kleine flinke Spinne

Eine kleine flinke Spinne,
hängt am Faden an einer Rinne,
der zwischen Erde und Himmel schwebt,
gleichzeitig sie eifrig und fleißig webt.

Ich tue ihr nichts zu Leide,
hatte meine volle Freude,
bewundernd sie in aller Ruh`
und schaue der zarten Künstlerin zu.

Die Spinne im munteren Dasein lebt,
ständig ein hübsches Kunstwerk entsteht -
ob Draußen - oder Drinnen -
überall leben diese Künstlerinnen.

Grete Schicke

Johann Wolfgang von Goethe - West-östlicher Divan

"Als ich einmal eine Spinne erschlagen,
Dacht ich, ob ich das wohl gesollt?
Hat Gott ihr doch wie mir gewollt
Einen Anteil an diesen Tagen!"